Text · Living Sculpture · Oktober 2026
Wem gehört die Scham?
Ich esse vor Ihnen. Ich trinke vor Ihnen. Ich gehe vor Ihnen auf die Toilette. Das nehmen Sie hin. Manche finden es sogar mutig.
Aber mein Körper tut mehr. Er wird erregt. Er wird hart, ohne mich zu fragen. Er kommt zum Orgasmus, er ejakuliert. Ich bin 64 Jahre alt, und mein Körper tut das immer noch – wie Ihrer.
Darüber schweigen wir. Über Hunger reden wir beim Mittagessen, über Verdauung beim Arzt, über den Tod auf Beerdigungen. Über Lust reden wir nicht. Nicht weil sie unnatürlich wäre. Sondern weil man uns beigebracht hat, dass sie es ist.
Ein alter Mann mit Lust gilt als lächerlich oder als gefährlich. Also verschwindet sie. Sie wird nicht weniger. Sie wird nur unsichtbar. Und mit ihr verschwindet ein Teil von mir.
Was wir hinnehmen
Wir haben gelernt, Krieg hinzunehmen. Wir sehen in den Nachrichten, wie Menschen getötet und ganze Völker vertrieben werden, und essen dabei zu Abend. Regierungen erwarten, dass wir das mittragen, und wir tragen es mit.
Bilder von Toten laufen zur besten Sendezeit. Ein nackter Körper, der Lust empfindet, wird verpixelt. Gewalt gilt als zumutbar. Lust gilt als obszön.
Das Töten von Menschen erklären wir für notwendig. Den eigenen Körper und seine Reaktionen lassen wir uns aberziehen, bis wir sie selbst verleugnen.
Ich halte diese Ordnung für pervers. Nicht meine Nacktheit.
Ich mache das nicht mehr mit
Wenn Sie mich ansehen und Scham spüren, dann schauen Sie genau hin – nicht auf mich, sondern auf sich. Diese Scham ist nicht in meinem Körper. Ich habe sie abgelegt, zusammen mit meiner Kleidung.
Sie gehört Ihnen.
Achim Mentzen · Living Sculpture
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